100% Time-In-Range (TIR), Warum Eigentlich Nicht?

Von Zeit zu Zeit bin ich schwer beeindruckt von den Personen mit T1D (Typ 1 Diabetes), die eine Time-In-Range von 95% und mehr schaffen. Und ich selbst schaffe das auch tageweise, manchmal sogar 100% über 24 Stunden. Dann bin ich superstolz, und frage mich, warum ich das nicht öfter hinbekomme. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, dann finde ich das gar nicht so gut. Zumindest nicht zum derzeitigen Stand der Medizin.

Aber von Anfang an.

Time-In-Range ist das sehr viel aussagekräftigere Equivalent zum HbA1C Wert, dem für lange Jahre wichtigsten Blutwert für Menschen mit Diabetes. Die Time-In-Range, oder kurz TIR, erlangte ihre Anerkennung erst durch die breitere Verfügbarkeit von CGMs, den kontinuierlichen Glukosemesssystemen wie Dexcoms G-Reihe oder dem Freestyle Libre. Plötzlich war man in der Lage, jeden einzelnen Wert in ein Gesamtbild zu bringen, da im besten Fall eine ununterbrochene Aufzeichnung von Messwerten über die letzten drei Monate vorlag. Während die Messung des Kapillarblutes ja immer nur eine Stichprobe (haha, ja, ein kleines Wortspiel) zum Zeitpunkt X darstellte, und aufgrund der Mikroverletzung der Haut auch die maximale Anzahl an Messungen selbst bei intensiv messenden Menschen selten die 20 überschritt, waren nun pro Tag bis zu 288 Messungen (24h * 60 Minuten / 5, die Aufzeichnung eines Wertes bei CGM Systemen erfolgt alle 5 Minuten) möglich. Schmerzfrei. Ohne Verhärtungen an den Fingerkuppen. Der HbA1C, der zwar einen echten Mittelwert über die letzten 3 Monate liefert, leidet aber unter dem Schicksal aller Mittelwerte. Nimmt man einen sehr hohen und einen sehr niedrigen Wert und bildet daraus das Mittel, z.B. 220 und 40, so kommt man auf einen für einen Menschen mit Typ 1 Diabetes nicht wirklich schlechten Wert von 130 mg/dl. Wenn man aber, etwas vereinfacht ausgedrückt, davon ausgehen würde, dass dieser Mensch, einen Monat mit 220 mg/dl, einen Monat mit 40 mg/dl und einen Monat mit 130 mg/dl verbracht hat, dann wäre das schlichtweg eine Katastrophe, die der HbA1C von 6,4% [1] überhaupt nicht abbilden könnte.

Bei der TIR hingegen kann man hier sehr viel mehr Wahrheitsgehalt erwarten. Damit man den Begriff TIR verwenden kann, muss man noch die Range, das R, festlegen. Diese ist bei Menschen mit Diabetes normalerweise 70-170 mg/dl, bei Kindern oft auch 80-180 mg/dl oder 70-180 mg/dl. Sie wird gemeinsam mit dem Diabetologen individuell festgelegt. In allen diesen Ranges würde unsere TIR also gerade mal bei 33% liegen. Dieses armselige Ergebnis entspricht viel mehr der Realität als ein HbA1C von 6,4%.

Dieses Beispiel ist absichtlich überspitzt dargestellt. Ich hoffe nicht, dass einer von euch ein Drittel seiner Zeit mit 40 mg/dl herumläuft.

Ist die TIR also der Non-Plus-Ultra Indikator, wie gut man sich als Mensch mit T1D schlägt? Nein, sicher nicht. Aber wir bewegen uns schon auf einem hohen Level. Es gibt noch weitere Bewertungssysteme. Der Glycemic Variability Index (GVI) wurde zusammen mit dem Patient Glycemic Status (PGS) von Dexcom entwickelt, um mehr Aussagekraft aus den CGM-Ergebnissen in einzelnen Zahlen zu verdeutlichen. Der GVI trifft eine Aussage über die Variabilität der Werte, also wie sehr sich nebeneinanderliegende Werte voneinander unterscheiden. So hat zum Beispiel eine schnurgerade Linie, die von links nach rechts verläuft, den niedrigsten GVI Wert von 1. Gibt es Wellen steigt dieser Wert, auch wenn alle Blutzuckerwerte noch in der Range, im Zielbereich, liegen. Der PGS ist ein Indikator, der auf dem GVI aufbaut und außerdem noch die TIR und den Durchschnitt der Blutzuckerwerte mit einbezieht. [2]

Screenshot des Glukoseverteilungsdiagramms und der Werte aus dem Reporting von Nightscout

Ich fand diese Werte zu Anfang nicht besonders hilfreich, und auch inzwischen schaue ich nur selten auf diese Werte in meinen Nightscout Report. Aber je besser man seinen Diabetes im Griff hat, desto wichtiger werden Werte, die in den herkömmlichen Indikatoren HbA1C und TIR (70-170) nicht enthalten sind. Natürlich kann man bei der TIR einfach den Zielkorridor kleiner machen, zum Beispiel auf 70-140 mg-dl festlegen und sich so strengere Regeln auferlegen. Und wen ich mal so weit bin, dass ich 100% TIR über einen ganzen Monat habe, dann feiere ich erst mal und sage dann Bescheid, wie ich meine Therapie weiter verfeinere. Aber so weit kommt es wahrscheinlich nie. Und ich strebe auch nicht nach 100% TIR (70-170). Na gut, geil wäre es schon. Aber auch ein Zeugnis meiner Unfähigkeit. Warum?

Typ 1 Diabetes verändert sich. Oder besser ausgedrückt: unser Stoffwechsel ist keine zwei Tage gleich. Was dich heute trotz Spritz-Ess-Abstand in den Himmel schießt, dann morgen zu einer Hypo führen. Warum ist das so? Weil der menschliche Organismus kompliziert ist. Und die heutige Medizintechnik einfach noch nicht das nachbilden kann, was der menschliche Körper jeden Tag völlig selbstverständlich leistet. Wir sind als Menschen mit Typ 1 also ständig am Faktoren einbeziehen, am korrigieren und Anpassen von Werten und Sensitivitätsfaktoren. Und unser Maß an körperlicher Aktivität ist auch keine zwei Tage gleich. Genauso wie unsere Zucker- und andere Energiereserven keine zwei Tage hintereinander genau das gleiche Level haben. Es wird immer Schwankungen geben und wir werden als Menschen mit Typ 1 Diabetes immer am Ausprobieren sein, was besser funktioniert. Always be learning. Und das geht dann halt auch mal in die Hose. 100% TIR über einen Monat wäre für mich eher ein Armutszeugnis, dass ich einen Monat lang nichts ausprobiert habe. Mich nicht entwickelt habe. Nicht versucht habe, den Hügel, der so ganz knapp von unten an den 170 gekratzt hat, doch noch abzuflachen.

Und irgendwann ist es auch gut. 100% TIR würde für mich und meinen Diabetes bedeuten, zur Weihnachtszeit auf Mamas Plätzchen zu verzichten. Und im Urlaub nicht mit den anderen im Restaurant zu sitzen. Oder sich bei Freunden auf das Essen zu freuen. Ja, ich versuche besser zu sein, als das, was mein Diabetologe von mir erwartet. Aber nachdem das nur 70% TIR sind, und ich regelmäßig nur ungläubige Blicke ernte, wenn ich sage ich ich versuche gerade nochmal 5% mehr Zeit im Zielbereich zu verbringen, bin ich mit mir zufrieden. Und erlaube mir auch Ausnahmen. Da sollte jeder den eigenen Weg finden.

[1] http://www.insulin-dosierung.de/service/hba1c/
[2] https://web.archive.org/web/20160422180805/https://www.healthline.com/diabetesmine/a-new-view-of-glycemic-variability-how-long-is-your-line

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