Cyborgs sind längst unter uns

Präsentationsslide, das einen stilisierten Menschen und die Zubehörteile eines Loopers zeigt. Daneben der Text "That's me today. Everyday."

Der Begriff Cyborg hat etwas futuristisches. Unheimliches. Dunkles. Vermutlich wurde diese Assoziation mit einer furchteinflößenden Maschine in vielen von uns durch den Film Terminator geprägt. Man kann nicht anders, als an eine, nur menschähnliche, Maschine zu denken. Schade eigentlich.

Per Definition (z.B. von Wikipedia) ist ein Cyborg, oder ein wenig staksig aber auf Deutsch, auch Kyborg, ein Mischwesen aus Maschine und Lebewesen. Wichtig ist dabei, dass es sich immer noch um einen Organismus handelt. In unserem gebräuchlichen Verständnis liegt viel zu viel Fokus auf dem cybernetic/kybernetischen Anteil. Jemand, dessen Herz per Herzschrittmacher ans Schlagen erinnert wird ist also per Definition ein kybernetischer Organismus, auch als Cyborg bekannt. Ebenso jemand, der ein künstliches Kniegelenk oder eine künstliche Hüfte sein eigen nennt.

Ich habe, bevor ich diesen Blog angefangen habe, schon eine Weile auf Twitter den Hashtag #T1DCyborg verwendet. Davor hatte ich dort auch schon mal in die Runde gefragt, wer mich mit meinem Flash Glucose Meter (damals das Abbott Freestyle) als Cyborg bezeichnen würde. Die Abstimmenden tendierten eher dazu, den Begriff Cyborg als nicht angebracht zu bewerten. Inzwischen kamen noch ein paar weitere Hardwareteile mit dazu. Eine Insulinpumpe und ein MicroPC auf dem OpenAPS das Verhalten einer funktionsfähigen Bauchspeicheldrüse nachbildet. Auch der Sensor wurde durch ein rtCGM, ein realtime Continuous Glucose Monitor (dem Dexcom G6), ersetzt, der nicht mehr aktiv ausgelesen werden muss, sondern selbständig die Werte weitermeldet. So landen sie dann in der Cloud und auf dem OpenAPS Rig und können von dort weiter für Diagnoseentscheidungen herangezogen werden. Connecting humans and IT.

Nun habe ich die vergangenen Tage noch einmal ein Experiment gewagt, und Twitter erneut abstimmen lassen, was wohl eine treffende Bezeichnung für mich wäre, bionisch, cyborg oder nichts davon.

Ich habe aktiv darum gebeten, dass die Twitter Community aus dem Bauch heraus entscheidet, und die Begriffe nicht nachschlägt. Das Ergebnis ist ziemlich uneindeutig.

Und dann habe ich explizit noch einmal nachgehakt und die Definitionen mitverlinkt. Daraufhin zeigte sich ein ganz anderes Bild:

Plötzlich ist der Begriff Cyborg doch ganz treffend.

Auch wenn wir es nicht wahr haben wollen, Cyborgs sind längst unter uns. Sie fahren unsere U-Bahnen, bedienen uns im Café an der Ecke und bringen unseren Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Manchmal sind sie mit auf dem Spielplatz und reden mit unseren Kindern. Sie sind überall. Als Menschen mit Behinderung, die eigentlich nichts weiter wollen, als so zu sein, wie jeder andere. Aber dieses romantische Bild eines Cyborgs hätte es wahrscheinlich nicht nach Hollywood geschafft.

Ich bin stolz darauf, aus größtenteils eigenen Mitteln vom Mensch mit Behinderung zum Cyborg mit besserer Lebensqualität geworden zu sein. Ich verstehe aber auch, dass der Begriff nicht jedem sympathisch ist. Bis auf weiteres kann ich aber ganz gut damit leben, dass ich mit meinen ganzen medizinischen und nicht-medizinischen Erweiterungen als Außenseiter wahrgenommen werde, und das macht der Hashtag #T1DCyborg ganz wunderschön klar.

Das hier ist übrigens mein Talk „How Community Made Me A T1D Cyborg“ von der JSConf EU 2019 Community Bühne:

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