Warum verlängert man eigentlich einen Sensor?

Foto des Abreissdeckels einer Dexcom G6 Verpackung mit LOT Nummer. Auf dem Papier liegt auch die Pflasterpatch-Folie mit dem Sensorcode.
LOT Nummer und Sensorcode.

Vor etwa zwei Jahren hat uns eine befreundete Familie, deren 12jährige Tochter Diabetes hat, erzählt, dass sie den „neuen Enlite“ nach den 6 Tagen Laufzeit verlängern können. Dann liefe der gleiche Sensor nochmals bis zu 6 Tagen. Es könne aber passieren, dass der Sensor in der Verlängerung ungenauer ist.

„Verrückt.“ haben sich meine Frau und ich relativ zeitgleich gedacht. Und laut ausgesprochen: „Warum macht man sowas?“

Schließlich bezahlt bei uns in Deutschland die gesetzliche Krankenkasse jedem Patienten, dem ein CGM (Continuous Glucose Meter) oder FGM (Flash Glucose Meter) verschrieben und bewilligt wurde, die Sensoren und Transmitter, die notwendig sind um eine 100%ige Abdeckung [1] zu erreichen.

Ich habe dann selbst erst den Libre, noch in der ersten Version zuerst ohne und später mit MiaoMiao verwendet. Und war daran gewöhnt, den Sensor tatsächlich alle 14 Tage zu wechseln. Als ich dann den MiaoMiao hatte, konnte mein Smartphone mit Spike plötzlich auch über die 14 Tage hinaus Werte auslesen. Aber nach den 14 Tagen war der Pflasterpatch schon ziemlich beansprucht. Selbst mit dem fast immer verwendeten zusätzlichen Kinesiologie-Tape.

Und dann bekam ich auf meinen eigenen Wunsch hin den Dexcom G6 verschrieben und bewilligt. Ich fing mit der 81er Serie der Transmitter an. Diese konnten nicht mehr ganz so einfach aber immer noch zuverlässig „verlängert“ bzw. resetted werden. Mit den neueren 8G und 8H Serien geht das Resetten aktuell (noch) nicht.

Zur sprachlichen Unterscheidung beim Hacken der Dexcom Systeme:

Reset – das bedeutet, dass der Transmitter zurückgesetzt wird. Der Transmitter hat eine Regellaufzeit von 90 Tagen. Etwas langer läuft er trotzdem. Nach ca. 110 Tagen geht er in den Streik und liefert keine Werte mehr an den Empfänger. Wird er allerdings resetted, so fängt diese 90-Tage-Frist wieder von neuem an. Und das kann man mit den in der 81er Serie verbauten Batterien zweimal machen. In der zweiten Verlängerung schwächelt der Transmitter dann irgendwann und muss ersetzt werden wenn die Werte nicht mehr zuverlässig an den Empfänger übertragen werden. Natürlich alles auf eigenes Risiko. Anleitungen findet man beispielsweise auf www.seemycgm.com.

Restart – das ist die Verlängerung eines Sensors. Beim G6 System ist die Laufzeit eines Sensors auf 10 Tage begrenzt. Mit Verlängerung, also dem Stoppen und Starten des gleichen Sensors, kann man aber je nach Abwehrreaktion des Körpers, nochmal 3 bis 10 Tage rausholen. Es soll Menschen geben, die ihren Sensor 30 Tage und mehr tragen. Ich könnte das nicht, irgendwann fängt die Haut einfach so das Jucken an. Und auch die Werte beginnen zu „rauschen“. Rauschen bedeutet, dass die Rohdaten, die das CGM-System nutzt, um die Gewebeglukose zu bestimmen, weit auseinander liegen. Dazu aber ein anderes Mal mehr. Auch das Verlängern bzw. der Restart erfolgt auf eigenes Risiko und wird von Dexcom nicht unterstützt.

Man kann also bei dem Dexcom G6 System aus den für 90 Tage verschriebenen 9 Sensoren und einem Transmitter locker mal 135 oder vielleicht sogar 180 Tage rausholen. Warum, wenn man doch sowieso im Versorgungszeitraum alle 90 Tage ein neues Paket zugeschickt bekommt? Damit reicht das doch genau, und man hat auch nie zu viel von dem Medizinkram zuhause rumliegen.

So zumindest die Theorie.

„Damit reicht das doch genau“ ist der springende Punkt, bzw einer von mehreren Gründen, warum Menschen mit T1D auf die Idee kommen, ihre CGM-Systeme zu verlängern. Und dabei eventuell unsaubere oder ungenauere Werte in Kauf nehmen.

Dass es „genau reicht“ ist oft leider nicht genug. Mal ist man im Urlaub oder auf Dienstreise, wenn das nächste Paket kommt. Oder man hat den einen abgefallenen Sensor nicht reklamieren können, weil man die LOT Nummer [2] nicht aufgehoben hat. Vielleicht braucht man einen Sensor, den man auf der Arbeit oder in der Schule hinterlegt und der dann irgendwann unbemerkt abläuft. Diese Dinge passieren. Und sind auch gar nicht so selten.

Ein zweiter, vor allem bei Kindern in Betracht zu ziehender Grund ist eher praktischer Natur. Man möchte einen Wochenrhythmus einhalten. Also alle zwei Wochen wechseln. Da passen die 10 Tage Laufzeit nicht so recht. Oder man möchte seinem Kind das ständige Setzen, und ja, alle 10 Tage ist ständig, ersparen. Es mag nicht übermäßig schmerzhaft sein, aber es ist ein Schmerz, der beim Setzen des Sensors auftritt. Und wer lässt sich schon gerne alle 10 Tage eine Ohrfeige geben? Wenn es sein muss, ok, aber wenn es auch alle 15 oder 18 Tage geht, dann ist das verständlicherweise besser.

Ein weiterer Grund ist ganz menschlich, vielleicht sogar ein bisschen archaisch. Man möchte eine Reserve für schlechtere Zeiten. Der Mensch, ein Sammler. Kein Jäger, sondern Sammler. Einen auf Halde bitte. Oder lieber zwei?

Und ein letzter Grund, obwohl es sicher noch mehr Gründe gibt (Kommentare, bitte!): Wir machen es, weil wir es können. Wie lange der Sensor wohl diesmal hält? Schaffe ich 20 Tage? Und wie lange kann die Batterie des Transmitters wohl halten? Schaffe ich eine Resistance von 2600? (Was auch immer das für Einheiten sind.) Ich habe mich gerne damit gebrüstet, dass mein einer 81er ganze 210 Tage durchgehalten hat. Statt 90. Yeah!

Vielleicht noch ein kurzer Blick auf die Alternative nicht zu verlängern. Dann würde man peinlich genau jeden Sensor, der dann doch mal nur 9 Tage hält, reklamieren. Und damit vermutlich die Kosten, die der Hersteller der Krankenkasse in Rechnung stellt, in die Höhe treiben. Plus die schlechtere Öko-Bilanz. Jedes mal wenn ein Sensor reklamiert wird, geht ein einziger mehrfach in Umkartons verpackter neuer Sensor per Paketlieferdienst raus. Und sorgt für mehr CO2. Muss ja nicht sein. Also Umwelt und Solidaritätsprinzip entlasten und verlängern. Geht ja. Vielleicht sogar mal 21 Tage.

Happy Restart/Reset!

[1] Es sind keine 100% Abdeckung, da jeder aktuell verfügbare (2019) Sensor eine Warmlaufphase hat. In der Zeit wäre es nur möglich Werte zu erhalten indem man einen zweiten Sensor und Transmitter benutzt. Beim Freestyle Libre wäre, wenn ein zweites Lesegerät verwendet wird, eine Überlappung sogar möglich, da der Sensor und Transmitter in einer Einheit verbunden sind. Beim Dexcom G6 bräuchte man dafür einen zweiten Transmitter, bei dem dann aber auch die 90-Tage-Frist zu laufen beginnt.

[2] Ich habe mir angewöhnt die LOT Nummer auf der Verpackung des Sensors und den Sensorcode auf dem Pflasterpatch beim Öffnen der Verpackung zu fotografieren. So kann ich immer und überall (danke Cloud Sync) auf diese im Zweifelsfall wichtigen Daten zugreifen.

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