Wer bin ich, und wenn ja, wieviele?

Hallo, ich bin Jan.

Portraitfoto von Jan

Ich bin 2005 mit Typ 1 Diabetes diagnostiziert worden. Ich bin 41 Jahre alt (zumindest war ich das zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels), bin verheiratet und habe 2 Kinder. Ich arbeite bei einem großen Software-Konzern, und wer mehr darüber wissen möchte, sieht am besten auf meinem Twitterprofil nach.

Das ist meine Geschichte:

Im März 2005 mit 26 Jahren war ich mit meiner (damaligen) Freundin in einem Shopping Center, und es gab zufällig einen Aktionstag von Apotheken und Gesundheitsvereinen. Mit nicht mehr als einer lauen Ahnung, dass etwas nicht stimmen könnte, habe ich dort meinen Blutzucker messen lassen. Das Messgerät zeigte allerdings keinen Wert an, und man fragte mich, ob ich gerade erst gegessen hätte. Da es tatsächlich erst eine halbe Stunde vorher ein Subway Sandwich und den passenden Softdrink gab, wurde ich aufgefordert, in zwei Stunden wieder zu kommen. Relativ unbesorgt haben wir uns also noch die Zeit vertrieben, geshoppt und sind dann zurück zur Aktionsinsel. Da war der Blutzucker dann knapp unter 500, und man legte mir nahe doch am nächsten Tag zum Arzt zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ein paar typische Symptome (Gewichtsverlust, Durst, Heisshunger und nächtliche Krämpfe), aber war darüber nicht weiter besorgt gewesen. Ich ging also am 28.3.2005, ein paar Tage nach dem „Vorfall“ zum Hausarzt. Dieser Tag bereitete mir dann aber durchaus Sorgen. Und das lag weniger an der Diagnose, sondern mehr daran, wie wenig kompetent ich initial behandelt wurde.
Ich wartete dort meine liebe lange Zeit bis ich dran kam und wurde dann ohne Stechhilfe (mit dem Glaspikser) in den Finger gestochen. Nicht das einzige mal an diesem Tag, aber das gröbste Mal. Der BZ-Wert war natürlich erwartungsgemäß sehr hoch (über 350), und die Arzthelferinnen und die Ärztin in Ausbildung verfielen in panische Hektik. Das war sicher alles gut gemeint, aber mir ging es nicht schlecht, ich war weit von einem diabetischen Koma entfernt, und anstelle von sinnvollen Ratschlägen und einer emotionalen Begleitung, wie es nun weitergeht, bekam ich eine Reihe von Verboten, was ich alles jetzt bis zu meinem Diabetologie-Termin, nicht essen dürfte. Da war alles dabei, ob stark kohlehydrathaltig oder nicht war offenbar egal. Aber zu dem Zeitpunkt konnte ich das überhaupt nicht selbst beurteilen, und liess mich leider auch von dieser Panik anstecken. Immerhin wurde ich an einen Diabetologen weitergereicht, der mich am Nachmittag noch aufnehmen konnte. Ich kam nicht ins Krankenhaus, sondern wurde an einem Nachmittag spontan geschult. Bis vor einiger Zeit wusste ich gar nicht, dass das auch für die Zeit eher unüblich war. Aber soweit so gut, nachdem ich gelernt hatte, wie ich einen Pen in ein Schwammkissen steche und das Insulin abgebe, durfte ich mit meinem Tütchen mit Erstausstattung nach Hause gehen. Meine Freundin begrüßte ich mit den Worten „Heiratest du auch einen Diabetiker?“. Unsere Hochzeit war für den 1.4.2005 geplant. Dabei blieb es aber auch. 

Zu Beginn habe ich meinen Diabetes in der Öffentlichkeit sehr versteckt, Freunde, Bekannte und Kollegen wussten davon aber von Anfang an. Es hat mir nicht viel ausgemacht, wenn mich jemand dabei beobachtete, wie ich maß oder spritzte, aber ich hatte Sorge, dass sich jemand daran stören könnte, oder Kinder das mitbekämen und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollten. Also spritzte ich zB in der Arbeit erst nach dem Mittagessen, so dass ich niemanden belästigen musste. Ein CGM oder den Libre gab es zu dem Zeitpunkt zumindest für meine Therapie nicht. So konnte ich auch nicht sehen, was das mit meinem Blutzucker anstellte.
Und es kam eine Zeit, da liess ich es extrem schleifen. Da maß ich den Blutzucker wenn überhaupt einmal am Tag, spritzte nach Gutdünken und hatte wahrscheinlich wesentlich mehr Glück als Verstand.
Dieser Zustand hielt ziemlich lange an. Bis ins Jahr 2016, genauer gesagt bis zum 2. August 2016, als bei meiner Tochter, damals 9 Jahre alt, T1D diagnostiziert wurde. Sie hatte extrem abgenommen, aber uns als Eltern war das leider erst spät aufgefallen. Ein halbes Jahr vorher war ihr Blutbild noch unauffällig, und dann kam mit den Sommerferien die Diagnose. So dumm es klingt, mit diesem Zeitpunkt hatte ich einen Scheideweg erreicht. Ich konnte meinen Diabetes genauso weiter miss-managen, und meiner Tochter das schlechteste Vorbild aller Zeiten sein und irgendwann dafür verantwortlich sein, dass wir beide im diabetischen Koma landen, oder ich konnte die Dinge wieder in die Hand nehmen.
Dass ich hier bin zeigt, denke ich, dass ich mich für Zweiteres entschieden habe.
Ich konnte unglaublich viele Dinge lernen, die ich für meinen eigenen Diabetes nie gelernt habe (dass zB auch Tomaten Kohlehydrate haben, dass es normal ist, einmal im Quartal zum Diabetologen zu gehen, dass es ein Verzeichnis bei der KK gibt, in dem man registriert sein sollte, weil man sonst bestimmte Leistungen nicht erhält). So leid es mir für meine Tochter tut, dass sie dieselbe Misterkrankung hat wie ich, so dankbar und demütig bin ich für diese Erfahrung. Wer weiss, wo ich sonst heute wäre.
Seit November letzten Jahres loope ich, was meine HbA1C auf für mich erstaunliche 6 gebracht hat. Ich tue alles dafür, dass ich ein Leben ohne Spätfolgen leben darf, und versuche das beste Vorbild zu sein, dass sich ein Kind mit Diabetes wünschen kann. Meine Tochter loopt inzwischen auch, und trotz aller Vorbehalte und Einwände von offizieller Seite glaube ich, dass es die derzeit beste Therapieform ist.
Danke, dass ihr bis hierher gelesen habt. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.